(28.06.2012)
Was sich abgezeichnet hat, ist wahr geworden: Ein ängstlicher Bundesrat knickt vor den Autoverbänden ein und spricht sich für den Bau einer 2. Strassenröhre am Gotthard aus. Der VCS Verkehrs-Club der Schweiz wird dies nicht hinnehmen. Zusammen mit seinen politischen Partnern wird er den Bau einer 2. Röhre aufs Entschiedenste bekämpfen und umgehend ein Referendum prüfen.
Die fortwährende Mythologisierung des Gotthards hat eine neue Dimension erreicht: Der Bundesrat macht eine Kehrtwende und will nun doch eine 2. Strassenröhre bauen. Beschämend ist insbesondere, dass der Bundesrat der Bevölkerung einen Bären aufzubinden versucht. Es wäre blauäugig zu glauben, die beiden Röhren würden nach der Sanierung des alten Tunnels dauerhaft nur einspurig befahren. Schon heute werden andernorts Autobahn-Pannenstreifen für den Verkehr frei gegeben. Der Ruf, dies am Gotthard ebenfalls zu tun, wird nicht lange auf sich warten lassen. «Der Entscheid des Bundesrats ist eine Katastrophe für die Verkehrs- und Verlagerungspolitik», sagt VCS-Präsidentin Franziska Teuscher. Er stelle zudem ein fatales Zeichen gegenüber der Europäischen Union dar.
Eine 2. Röhre ist entgegen den Aussagen des Bundesrats auch aus Gründen der Verkehrssicherheit nicht nötig. Nach dem tragischen Lastwagenbrand im Jahr 2001 sind umfassende Verbesserungen am alten Tunnel vorgenommen wurden. Die Zahl der Unfälle sank auf einen Fünftel der früheren Werte. Auch die Beratungsstelle für Unfallverhütung sieht keinen Sicherheitsgewinn in einer 2. Röhre.
Der VCS wird zusammen mit anderen Umwelt- und Verkehrsverbänden den Bau einer 2. Röhre mit allen demokratischen Mitteln bekämpfen und ein Referendum prüfen. Denn eine 2. Röhre würde nur Nachteile bringen: Sie wäre geradezu eine Einladung für die Autofahrenden und den europäischen Schwerverkehr. Die CO2-Emissionen, die Belastung mit Luftschadstoffen und der Lärm würden weiter steigen. In Zeiten des Klimawandels und von Peak Oil wäre dies schlicht unverantwortlich.
Mit einer 2. Röhre würde aber auch der Volkswille übergangen und die Verlagerung des alpenquerenden Güterverkehrs auf die Schiene sabotiert. Die Schweizer Bevölkerung lehnte einen 2. Strassentunnel wiederholt ab. In der letzten Umfrage der Alpen-Initiative sprachen sich 79 Prozent dagegen aus. Gleiches tat der Kanton Uri im Mai 2011 in einer Volksabstimmung.
Der Bau einer 2. Strassenröhre schlüge dem Bund zudem schwer aufs Budget: Ein Tunnel am Gotthard käme auf mindestens zwei Milliarden Franken zu stehen – zusätzlich zu den rund 650 bis 890 Millionen für die Sanierung der alten Röhre. Diese Zahlen machen deutlich, welche Interessen tatsächlich hinter dem Drängeln um eine 2. Röhre stecken. Der Bau eines weiteren Strassentunnels am Gotthard ist ein dicker Fisch, den das Baugewerbe an Land ziehen will.
Der VCS ist nach wie vor der Überzeugung, dass die Sanierung mit der Einrichtung einer rollenden Landstrasse am besten bewältigt werden kann. Diese Variante wäre eine Milliarde Franken billiger und würde nicht zu mehr Verkehr führen.